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Prof. Kausen lässt Dias von zerstörten Kulturstätten digitalisieren

Portrait Kausen Ernst
Prof. Ernst Kausen

Digitalisierung rettet Erinnerungen – manchmal auch in doppelter Hinsicht. Denn was auf den analogen Bildern zu sehen ist, ist in der Gegenwart vielleicht schon für immer verloren. So werden nicht nur persönliche Erinnerungen digitalisiert, sondern auch Andenken für unser kollektives Gedächtnis festgehalten. Ernst Kausen ist emeritierter Professor für Mathematik und Informatik und Sprachwissenschaftler. Gemeinsam mit seiner Frau hat er über 50 außereuropäische Länder bereist und dabei zahlreiche Dias gemacht. Darunter sind auch Aufnahmen aus dem Irak und Syrien, die heute aus traurigem Anlass eine besondere Bedeutung erhalten: Sie dokumentieren Kulturstätten, die seit dem vergangenen Jahr vom IS systematisch zerstört wurden. Bei MEDIAFIX hat Prof. Kausen nun einen Teil dieser wertvollen Aufnahmen digitalisieren lassen. Prof. Kausen war so freundlich, uns ein paar Fragen zu beantworten (mit einem Klick auf die Bilder erhalten Sie eine vergrößerte Ansicht).

Herr Prof. Kausen, warum haben Sie sich entschlossen, Ihre Dias digitalisieren zu lassen?

Ich habe schon sehr viele Reisen unternommen und dabei gut 30.000 Dias aufgenommen, die mir sehr am Herzen liegen. Mit diesen Dias habe ich auch diverse Vorträge
zu meinen Reisen bestritten. Ich bin mir bewusst, dass die technische Qualität der Dias mit der Zeit abnimmt und wollte dem zuvorkommen. Außerdem wollte ich die Vorteile digitaler Aufnahmen nutzen. Daher habe ich nun erst einmal ca. 12.000 Dias von den letzten zehn Reisen digitalisieren lassen.

Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden?

Die Bilder von meiner Irak-Reise sind leider qualitativ schlechter als die anderen. Das liegt aber an der Dia-Vorlage. Wir mussten auf dem Landweg von Jordanien anreisen und wurden sehr häufig kontrolliert. Vermutlich hat das häufige Röntgen die Bilder angegriffen.

 

Was planen Sie nun mit Ihren digitalisierten Bildern?

Ich habe die letzten fünf Jahren an mehreren sprachwissenschaftlichen Büchern gearbeitet; nun habe ich wieder Kapazitäten für ein neue Reisen und Projekte. Meine Frau hat unsere Reisen in
ausführlichen Tagebüchern festgehalten. Ich überlege, gemeinsam mit ihr aus den Aufzeichnungen Reiseberichte zu verfassen, in die wir nun leicht unsere Bilder einfließen lassen können. Außerdem lassen sich mit digitalisierten Bildern wesentlich leichter Themenvorträge zusammenstellen. Ich überlege auch, digitale Bilder von kommenden Reisen mit alten Aufnahmen in Vorträgen zu kombinieren. Es hat sich doch viel verändert im Laufe der Zeit. Wir sind immer gern in kulturell authentische Gebiete gereist, die noch nicht touristisch geprägt waren. Diese werden immer seltener. Mit den digitalisierten Bildern lassen sich so leicht die Veränderungen verdeutlichen.

Zanskar in Nordindien
Dieses Bild entstand 2000 in Zanskar, einer entlegenen und schwer erreichbaren Region in Nordindien.

Unter Ihren Aufnahmen befinden sich auch Bilder, die aus traurigem Anlass einen besonderen Wert erhalten haben…

Das ist leider richtig. Im Jahr 2000 haben wir beispielsweise den Irak bereist und dort Kulturstätten wie Nimrud und Hatra, Ninive und Mossul besucht. Dort haben wir noch all das gesehen, was der IS seit dem vergangenen Jahr systematisch zerstört hat, insbesondere auch das wunderbare altorientalische Museum von Mossul. Ich habe Altorientalistik studiert und es war für mich etwas sehr besonderes, diese Stätten zu sehen. Die Plünderungen und Zerstörungen sind ein ganz großer Verlust für die abendländische Kultur. Viele sind sich dessen nicht bewusst, aber Mesopotamien ist in vielerlei Hinsicht die Wiege der abendländischen Kultur. Dort wurde zeitgleich mit Ägypten im 4. Jahrtausend v. Chr. die Schrift entwickelt und von den Sumerern und Babyloniern stammt unsere Einteilung der Zeit in Stunden, Minuten und Sekunden und die Festlegung, dass 60 Minuten eine Stunde sind. Die Berichte von den
Zerstörungen haben mich sehr betroffen gemacht und ich kann mich glücklich schätzen, diese besonderen Orte zuvor gesehen zu haben. Momentan ist vor allem die syrische Kulturstätte Palmyra stark gefährdet. Mit meinen Bildern kann ich etwas von diesen Eindrücken in die Zukunft retten und Menschen zeigen, was für sie für immer verloren ist.

Vielen Dank für dieses offene und sehr interessante Gespräch, Herr Prof. Kausen!