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Ein Leben auf der Suche

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Eine Kindheit zwischen Sehnsucht und Verzweiflung

Es war so weit: Der Zug fuhr ein. Mit einem lauten, quietschenden Geräusch kam er zum Stehen. Endlich öffneten sich die Türen. Hastig stiegen die Menschen aus – einer nach dem anderen. Es dauerte nur wenige Sekunden bis sich der sonst so ruhige Platz in ein Getümmel aus unzähligen Gesichtern und Stimmen verwandelte.

Der kleine Junge wartete schon eine ganze Weile auf diesen Moment. Er stand da, mitten in dem Durcheinander; umgeben von Menschen, die einander begrüßten und umarmten. Nervös blickte er sich um. Seine Augen suchten nach dem Gesicht seines Vaters. Er hätte ihn sofort erkannt.

Plötzlich griff jemand nach seiner Hand: „Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du nicht alleine zum Bahnhof laufen sollst, Edgar!“ ertönte eine besorgte Stimme. Seine Mutter war gekommen, um ihn wieder zurück nach Hause zu bringen. Der kleine Junge sah sich noch ein letztes Mal um – doch sein Vater war nirgends zu sehen. Tränen liefen über sein enttäuschtes Gesicht. Schließlich folgte er seiner Mutter nach Hause.

Immer wieder rannte Edgar Breid von zuhause weg, um zum Bahnhof zu gelangen. Er lief, angetrieben von der schmerzlichen Sehnsucht nach seinem geliebten Vater. Es war das Jahr 1945 und der damals 5-Jährige hatte gehört, dass die Soldaten zurückkommen könnten. Er wollte seinen Vater immer vom Bahnhof abholen.

Im nächsten Jahr erreichte eine Postkarte seine Familie. Der Absender: die Deutsche Dienststelle. Ihre Botschaft war die traurige Gewissheit: „Ihr Angehöriger Heinrich Breid ist am 26.1.45 verstorben“. Als Todesort wurde Friedenshütte angegeben, die Grablage sei der Heldenfriedhof Pawlowitz in Polen. Abschließend die Anmerkung: „Weitere Nachrichten liegen hier nicht vor“.

Es war der Moment, in dem sich die Hoffnung des kleinen Jungen in einen tiefen Schmerz verwandelte. Sein Vater, den er so sehnlichst vermisste, sollte niemals wiederkehren.

„Die Fotos waren alles, was uns von ihm blieb“

Edgar Breid erinnert sich noch sehr genau an die Szenen aus seiner Kindheit: „Ich habe meinen Vater als Kind schrecklich vermisst. Mein Vater war Kriegsgegner und hatte sich geweigert, in die NSDAP einzutreten. Als Konsequenz wurde er sofort für den Krieg eingezogen“, so Breid. „Er schickte uns immer wieder Fotos von seinem Leben im Krieg zu. Diese zeigten uns, was er als Soldat erlebte. Die Fotos waren alles, was uns von ihm blieb“, berichtet der heute 79-Jährige.

Der Beginn einer lebenslangen Suche

Mehr als 20 Jahre war es her, dass ihn die Postkarte mit der traurigen Botschaft erreichte. Aus dem kleinen Jungen war inzwischen ein Mann geworden. Und dennoch – eines hatte ihn in all den Jahren nie losgelassen: Das Bedürfnis, seinem Vater noch einmal nahe sein zu können.

Der damals 26-Jährige entschloss sich, sich auf die Suche zu begeben. Er schrieb Briefe an verschiedene Behörden und Institutionen, um Informationen zur Grablage seines Vaters zu erhalten: Waren die Informationen auf der Postkarte noch aktuell? Gab es den besagten Friedhof noch? War das Grab seines Vaters noch zu erkennen? Was hatte die Anmerkung auf der Postkarte zu bedeuten, dass keine weiteren Nachrichten vorlägen? Es musste doch mehr Informationen geben; nähere Details – irgendetwas, das ihm Antworten auf all seine noch offenen Fragen geben konnte. Breid schrieb unzählige Briefe – und jeder einzelne von ihnen trug seine Hoffnung zwischen den Zeilen.

Doch mit jedem Antwortschreiben, das er erhielt, schwand seine Hoffnung ein Stück mehr: Niemand konnte ihm Antworten auf die Fragen geben, die ihn so sehr quälten. Viele Jahre vergingen, in denen er immer wieder nachfragte. Vergeblich.

Breid hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben. Er ahnte nicht, dass er schon bald einen entscheidenden Hinweis erhalten sollte.

Ein letzter Hoffnungsschimmer

Eines Tages öffnete Breid ein Antwortschreiben. Es bestätigte, dass sein Vater in Friedenshütte, heute Ruda Śląska, gefallen und auf dem Heldenfriedhof Pawlowitz, heute Zabrze-Pawłów, begraben wurde. Jedoch seien auf diesem Friedhof keine Gräber mehr erkennbar. Zudem sei der Umbettungsdienst in vielen Ortsteilen von Zabrze bereits tätig gewesen und habe die Soldaten nach Siemianowice Śląskie umgebettet. Ob der Umbettungsdienst auch schon im Ortsteil Pawłów tätig gewesen war, konnte man ihm nicht sagen. Der Name seines Vaters sei jedoch im Gedenknamenbuch von Siemianowice Śląskie verzeichnet.

Breid fasste wieder Mut: Endlich hatte er eine Spur, der er folgen konnte. Er beschloss, sich auf die Reise nach Siemianowice Śląskie zu machen. Doch er wurde von Zweifeln gequält: War sein Vater schon nach Siemianowice Śląskie überführt worden? Würde er das Grab seines Vaters finden? Eine Sicherheit dafür, dass die Umbettung bereits stattfand, gab es nicht. Breid wusste nicht, was ihn erwarten würde. Es sollte eine Reise ins Ungewisse werden – doch sie war seine einzige Chance.

Kartenausschnitt mit den Orten in Polen
Die Reise führt in den Süden Polens

Die Reise ins Ungewisse

Die weite Autofahrt nach Polen wurde für Breid zur Nervenprobe. Er war schon fast den ganzen Tag unterwegs, als er sich langsam der Gegend näherte, in der sein Vater gefallen sein soll. Während der Fahrt blickte Breid aus dem Fenster: Er stellte sich vor, welche erschütternden Szenen sich hier im Zweiten Weltkrieg zugetragen haben mussten und wie sein Vater darin umgekommen war.

Breid wurde von gemischten Gefühlen übermannt: Da war die tiefe Trauer über den Tod seines geliebten Vaters. Da war die quälende Ungewissheit, ob er das Grab seines Vaters finden würde. Da war das beklemmende Gefühl bei der Vorstellung daran, welche schrecklichen Dinge sein Vater erlebt haben musste.

Ein eisiger Schauer lief Breid über den Rücken. Doch es gab kein Zurück mehr. Er war kurz davor, Siemianowice Śląskie zu erreichen – den Ort, in dem sein Vater begraben sein soll.

Breid durchquerte eine riesige Industriestadt mit unzähligen brachliegenden Bergwerken. Er fuhr an einem alten Industriegebäude nach dem anderen vorbei. Nach langer Fahrt kam sein Auto schließlich zum Stehen: Er hatte den Friedhof erreicht.

Sein Herz klopfe. Er stand auf einem über 3 Hektar großen Gelände mitten in einem Waldstück. Der Friedhof war sehr gepflegt – und dennoch überkam Breid beim Betreten des riesigen Geländes ein mulmiges Gefühl. Es war die grausame Wahrheit, die ihn einholte: Hier unter dieser Erde lagen mehr als 30.000 gefallene Soldaten – und einer davon war vielleicht sein Vater.

Entschlossen machte er sich auf den Weg über das riesige Gelände. Er fand Stelen, auf denen die Namen der Orte standen, aus denen die Gefallenen zu diesem Friedhof gebracht wurden, und folgte ihrer Spur. Die verschiedenen Einbettungsblöcke waren wiederrum mit Blocksteinen markiert, an denen er sich orientieren konnte. Unermüdlich lief er weiter und entdeckte Reihensteine, die zu den gesuchten Grablagen führen sollten. Eine Mischung aus Nervosität und Hoffnung überkam Breid: Es trennten ihn nur noch wenige Meter von seinem Ziel. Dann schließlich entdeckte er den Bereich, in dem sein Vater liegen konnte. Er suchte den Bereich ab – Reihe für Reihe, Grab für Grab. Mit jedem Schritt stieg seine innere Anspannung: Vor ihm lagen nur noch wenige Gräber. Schließlich kam er beim letzten Grab an: Es trug den Namen eines anderen Mannes.

Breids jahrelange Suche nach dem Grab seines Vaters nahm an diesem Tag ein enttäuschendes Ende. Hunderte Kilometer hatte er zurückgelegt; er hatte gehofft, geweint und gekämpft. Es war eine Suche zwischen Zuversicht und Verzweiflung, zwischen Liebe und Trauer, mit vielen Strapazen und Rückschlägen – alles in der Hoffnung auf einen einzigen Moment, in dem er seinen Vater noch einmal nahe sein konnte.

„Vielleicht erlebe ich es noch, vielleicht erlebe ich es auch nicht mehr“

Heute hat Breid seinen inneren Frieden mit der Situation gefunden: „Ich habe es so akzeptiert, wie es jetzt ist“, berichtet er uns. Aufgegeben hat er die Suche jedoch noch nicht: Erst vor wenigen Wochen hat er noch einmal in einem Brief um Auskunft gebeten – leider erneut vergeblich. Breid zeigt sich trotz allem verständnisvoll: „Die Institutionen geben ihr Bestes, aber sie können mir natürlich auch nicht mehr sagen, als sie wissen“.

Eines steht für Breid jedoch fest: Falls sein Vater doch noch gefunden werden sollte, will er sich noch einmal auf die Reise nach Polen begeben. „Vielleicht erlebe ich es noch, vielleicht erlebe ich es auch nicht mehr“, resümiert der 79-Jährige.

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